GxP & IT-Praxistipps für den Mittelstand | Blog Christof Layher

Self-Service im regulierten Umfeld - Warum Angst der wahre Innovationskiller ist

Geschrieben von Christof Layher | Feb 28, 2026 4:29:59 PM

Digitalisierung in Life Sciences scheitert selten an Tools.
Sie scheitert an Unsicherheit.

Im aktuellen ChaosHacker-Talk habe ich mit Artur König genau darüber gesprochen: Self-Service BI, GxP, Governance, Datenverantwortung - und die stille Realität in vielen Unternehmen. Was nach außen oft wie saubere Regulierung aussieht, ist intern häufig etwas anderes:

Kontrollangst.

Das Missverständnis: Self-Service ist das Risiko

Viele Organisationen reagieren reflexartig:

  • Self-Service? Zu gefährlich.
  • Eigene Dashboards? Kontrollverlust.
  • Fachbereiche modellieren Daten? Geht gar nicht.

Also wird zentralisiert. Standardisiert. Reglementiert.

Und was passiert?

Die Fachbereiche bauen weiter.
Nur eben heimlich.

Schatten-Excel.
Schatten-Datenbanken.
Schatten-KI.

Nicht weil Menschen rebellisch sind.
Sondern weil sie arbeiten müssen.

Das eigentliche Problem: Unklare Relevanz

Im regulierten Umfeld kommt noch eine zusätzliche Schicht dazu: GxP.

Aber ganz ehrlich - viele Unternehmen unterscheiden nicht sauber zwischen:

  • GxP-relevanten Daten
  • geschäftskritischen Daten
  • operativen Analyse-Daten

Also wird vorsichtshalber alles gleich behandelt.

Das führt zu einem absurden Effekt:

Ein KPI-Dashboard für Prozessoptimierung bekommt denselben Governance-Aufwand wie eine chargenrelevante Qualitätsentscheidung.

Ergebnis:
Innovation wird bürokratisiert.

Und Bürokratie produziert Ausweichbewegungen.

Die typische Eskalationsspirale

  1. Es passiert ein Fehler.
  2. Eine zusätzliche Regel wird eingeführt.
  3. Ein zusätzliches Formular wird Pflicht.
  4. Noch eine Freigabestufe kommt dazu.

Der Prozess wird stabiler gedacht - aber in Wahrheit instabiler gemacht.

Irgendwann passt nichts mehr sauber zusammen.
Dann entstehen Ausnahmen.
Dann Sonderregeln.
Dann Chaos.

Das ist kein Governance-Modell.
Das ist historisch gewachsene Risikovermeidung.

Bottom-up vs. Top-down - die falsche Front

Im Gespräch wurde klar:
Top-down allein funktioniert im Datenbereich nicht mehr.

Warum?

Weil Datenkompetenz heute nicht mehr nur in der IT sitzt.
Das ganze Unternehmen ist IT.

Fachbereiche verstehen ihre Prozesse.
Sie sehen Optimierungspotenziale zuerst.
Sie experimentieren.

Wenn wir das unterbinden, verlieren wir Geschwindigkeit.
Wenn wir es völlig freigeben, verlieren wir Konsistenz.

Die Lösung liegt nicht in einem Entweder-oder.

Sie liegt in klar definierten Übergängen.

Der entscheidende Punkt: Wann wird professionalisiert?

Nicht jede Self-Service-Lösung braucht sofort Enterprise-Governance.

Aber es braucht Klarheit:

Wann bleibt etwas in der Sandbox?
Und wann wird es unternehmensrelevant?

Ein sinnvoller Trigger ist nicht Zeit.
Sondern Reichweite.

Sobald:

  • andere Abteilungen die Kennzahlen nutzen
  • Entscheidungen mit Außenwirkung darauf basieren
  • C-Level darauf zugreift

… dann ist Professionalität Pflicht.

Und zwar nicht als Strafe.
Sondern als Service.

Governance as a Service.

Nicht:
"Du darfst das nicht."

Sondern:
"Wenn du Wirkung willst, heben wir es gemeinsam auf die nächste Stufe."

Das verändert die Haltung komplett.

Compliance ist nicht der Feind

Ein wichtiger Punkt:
Datenschutz, Quality, Compliance sind nicht die Blockierer.

Sie haben einen Auftrag.

Das Problem entsteht, wenn:

  • sie nur Risiken sehen
  • Fachbereiche nur Geschwindigkeit sehen
  • IT nur Stabilität sieht

Und niemand die Perspektive des anderen einnimmt.

Datenliteracy bedeutet nicht nur, ein Dashboard bauen zu können.
Es bedeutet auch zu verstehen:

  • Wo entstehen personenbezogene Bezüge?
  • Welche Daten sind entscheidungsrelevant?
  • Welche Auswirkungen hat eine falsche Zahl?

Erst wenn diese Reflexion stattfindet, wird Self-Service tragfähig.

Warum das Thema jetzt kritischer wird

Tools werden schneller.
No-Code wird mächtiger.
KI demokratisiert Analyse.

Das Gewicht verschiebt sich.

Wenn Organisationen weiterhin versuchen, alles zentral zu kontrollieren, verlieren sie Geschwindigkeit.

Wenn sie alles laufen lassen, verlieren sie Übersicht.

Wer jetzt kein skalierbares Governance-Denken entwickelt, wird entweder:

  • innovationsarm
    oder
  • risikoblind

Beides ist gefährlich.

Meine These

Nicht Self-Service ist riskant.
Unreife Organisationen sind riskant.

Reife Organisationen:

  • definieren klar, was GxP-relevant ist
  • erlauben kontrolliertes Experimentieren
  • professionalisieren bei Relevanz
  • bauen Literacy auf
  • und ersetzen Verbote durch nachvollziehbare Regeln

Das ist anstrengender als ein weiteres Formular einzuführen.

Aber langfristig günstiger.

 https://youtu.be/1XZRCKRDfUk